Wesensschau

Künstler schaute das Wesen:
“Leute ich sag’ euch, es war entsetzlich. Eine Entäuschung höchsten Grades. Die Erscheinung bekam einen Riss und ich schaute das Wesen. Wobei “schauen” nicht das rechte Wort ist, weil das Wesen ja keine Erscheinung ist, aber es zeigte sich mir irgendwie durch eine Lücke in der Erscheinung und es war ein dermaßen elender Schwachsinn, dass ich es gar nicht beschreiben kann. Es war einfach nur tödlicher Mist. Ich bin stinksauer, beleidigt, beschmutzt, erniedrigt. Gebt mir meinen Augenschein zurück, sofort, oder ich hau’ hier alles in Stücke …”

Nachbar Uribert

Mein Nachbar Uribert ist Künstler und hat eine hohe Meinung von sich und seiner Berufung zum ästhetischen Erzieher der Menschen. Sein Erziehungsauftrag bildete er schon früh an seinen Eltern aus, die er autoritätshörig und moralisch verkommen schimpfte.

Uriberts Familienbashing übertrug er bald auf die Gesellschaft en gros, die wachzurütteln er sich und seinem künstlerischen Wirken zum Ziele setzte. Seither malt er undeutliche Bilder und spricht gern von eingefahrenen Sehgewohnheiten, die es zu verändern gäbe. Denn seine Kunst soll provozieren und beschämen, soll betroffen und mitleiden machen. Die selbstgerechten Bürger sollen das Leid in der Welt, insbesondere das menschliche Leid und insganzbesondere das von Menschen erzeugte Leid sowohl an Menschen als auch an anderen Kreaturen zu spüren bekommen. Er will ihre stumpfen Gesichter in den Dreck der Realität stoßen, bis sie vor Mitleid wimmern und bitteln und betteln.

Ja, der gute Uribert wird sie zum Mitleid zwingen und sie gar an ihrem Mitleid zugrunde gehen lassen.